
Ein neuartiger Fabrikschornstein, der Treibhausgase in hilfreiche Substanzen umwandeln kann, könnte einen erheblichen Einfluss auf die globale Erderwärmung ausüben.
Fremont, Ohio: "In diesem Sandkasten hier spiele ich", meint Tom Kiser und lässt seine schwere Chrysler Limousine auf den Parkplatz der Professional Supply Inc. rollen. Wir befinden uns in Fremont, Ohio, rund 17.000 Einwohner. Auf der anderen Seite der Straße gibt es eine Sauerkrautfabrik - ein passendes Ambiente für Kisers Firmensitz mit eintöniger Holzverschalung.
Kiser ist in Fremont geboren und aufgewachsen. Er gründete die PSI 1979 hier mit einem Kleinkredit in Höhe von 80.000 US-$, der u. a. mit dem Ehering seiner Frau abgesichert wurde - und er hat es richtig gemacht, mittlerweile besitzt er einen siebensitzigen Firmenjet. Aber darum geht es hier gar nicht. Es geht vielmehr darum, wie ein Kleinstadt-Wärme-Kälte-Installateur ohne Illusionen über die wahren Prioritäten seiner Kunden (Was mich antreibt? Kann ich für Sie Geld machen? Wenn ich es nicht kann, stellen Sie mich nicht ein.), befindet sich unvermittelt an vorderster Front im Kampf gegen die globale Erderwärmung.
Seine Waffe? Eine neuartige experimentelle Technologie, die er als einen flüssigen Schornstein bezeichnet, der das Treibhausgas, das aus Kohle- oder Erdgasöfen entweicht, einfängt und in unbedenkliche Materialien umwandelt, die zum Bauen verwendet werden können oder sogar in die Meere verklappt werden könnten, um dort zur Regeneration von Korallenriffen verwendet werden. Die Auswirklungen könnten immens sein, wenn man in Betracht zieht, dass die Hälfte Amerikas Treibgas-Ausstoßes durch Verbrennung von Kohle und Erdgas erzeugt wird.
Ein grüner Daumen
Kiser wurde reich, indem er ausknobelte, wie man Energiekosten kleiner und großer Unternehmen senken könnte, dazu gehörte auch Ford. Sein Projekt im River Rouge Ford-Werk war eine Zusammenarbeit mit William McDonough, einer der weltweit führenden Architekten und Co-Autor von "Einfach intelligent produzieren", engl. Originaltitel: Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things, (Von der Wiege zur Wiege: Die Art und Weise, wie wir Dinge machen, neu machen).
Diese beiden höchst ungleichen Weggenossen trafen sich 1999, als McDonough Kiser zum ehrgeizigsten Umweltprojekt, das eine Amerikanische Gesellschaft je unternommen hatte, hinzuzog - die $2-Milliarden-schwere Umrüstung von Fords historischem, Rauch speienden River Rouge Werkskomplex in eine Modellanlage für nachhaltige Herstellungsprozesse. Kisers Hauptbeitrag zum Rouge Projekt - und 11 weitere, die er für Ford durchgeführt - war Bigfoot, seine patentierte Alternative zum herkömmlichen Kohle beheizten, Dampf erzeugenden Heizungs- und Belüftungssystem.
Bigfoot ersetzt im Wesentlichen einen Kohleofen und kilometerlange Schächte mit ein paar effizienten Gaselementen oben auf dem Dach, die die Luftzirkulation fördern, Abwärme zurückgewinnen und den Arbeitsplatz angenehm halten. Laut Jeff White, Fords verantwortlicher Mann für effiziente Energienutzung, spart Ford mehr als 50 Millionen US-$ pro Jahr an Energiekosten, während sich der Kohlenstoffausstoß um 233.000 Tonnen reduziert - umgerechnet ist das so viel, als ob man etwa 35.000 Autos aus dem Verkehr ziehen würde. "Das ist einfach ein Riesenerfolg für Ford", sagt White, "es übersteigt unsere Erwartungen um ein Vielfaches."
Was Kiser von der Masse der Saubermänner abhebt, ist sein voller Einsatz bei dem, was er zu tun versucht. "Es gibt eine Menge Leute, die mit Teilen des Puzzles herumspielen wollen, etwa bessere Sonnenkollektoren herstellen", bemerkt McDonough, der mittlerweile mindestens so viele Wallfahrten nach Fremont wie nach Davos in der Schweiz unternommen hat. "Aber es gibt nicht so viel Leute, die mit reiner Willenskraft bereit sind, einen Schornstein anzugehen und zu Boden reißen. Aber in Fremont, Ohio gibt es sie!"
Kiser, 55, sieht auch so aus, als ob er den Schornsteintrick beherrscht - ich meine, im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist 1,85 groß und wiegt 130 kg und er kommt rüber wie John Madden beim "Sunday Night Football" - breite Schultern, schwingende Arme, die Stimmbänder beansprucht, Grammatik über Bord. Wie bei Madden, gibt es nichts auf der Welt, worum er sich mehr kümmert, als dass Sie etwas sofort verstehen, was er zu sagen versucht. Und weil er sich kümmert, verstehen Sie es auch.
Kiser studierte Luftfahrtechnik an der Fachhochschule. Er wollte Pilot werden, bis er zum ersten Male in einem Pilotensitz saß. ("Ich passte nicht hinein! Ich kam ins Cockpit und konnte mich nicht bewegen!") Nach der Fachhochschule arbeitete er für ein Haustechnik-Großhandelsunternehmen. Dort entwickelte er eine Leidenschaft für komplizierte Industrie-Belüftungssysteme, die sogar, wenn überhaupt, seine Leidenschaft für Football übersteigt.
Seine Karriere als Footballspieler am College endete, als er eine Knieverletzung erlitt. Er spielte immer noch als Halbprofi bis Mitte 20, was ihm ein Vertragsangebot bei den Washington Redskins einbrachte, dass er zu Gunsten seines Geschäftsbeginnes ablehnte. Schließlich wurde er Trainer.
Kiser war der besondere Assistent des Ohio State Cheftrainers Jim Tressel. Diese funkelnde Gesteinsformation an seinem Ringfinger verdiente er sich mit seiner Nebenbeschäftigung während der Buckeyes' Nationalen Meisterschaft 2002.
Der unbeabsichtigte Umweltaktivist
Äußerlich ist Kiser nicht anders als immer. Er brettert immer noch auf einem 10-Meter-Speedboot, angetrieben von zwei V8-Motoren, auf dem Eriesee herum, fliegt bei Bedarf mit seinem Jet und zieht bei seinen Autos den Komfort dem Spritsparen vor (sein Sohn Russ, Teilhaber zu 10 Prozent an PSI fährt einen Hummer). Mit anderen Worten, er ist kein ökofreak und er weigert sich, bei seinen Kunden an das grüne Gewissen zu appellieren; wir erinnern uns, er will keine Geschäfte mit Ihnen machen, wenn er nicht zur einem besseren Geschäftsergebnis beitragen kann.
Aber, als er McDonough traf, hat sich etwas geändert. "Ich bin einer von diesen kleinen Amerikanern", meint Kiser bei der Beschreibung dessen, wie er früher war. "Ich war so damit beschäftigt, mich um meine Familie zu kümmern, Football zu trainieren, dies und das zu tun. Schließlich hat man sich vollkommen verstrickt und man bemerkt: ,Ey, hier laufen ein paar große Nummern!" Sie glauben, Terrorismus ist eine üble Sache? Warten Sie, wenn Sie den ersten Schluckauf der Erderwärmung erleben. Ihr ist es völlig schnuppe, wo die Unschuldigen, und wo die Schuldigen wohnen.
Kiser hat eine Mission. Er glaubt, wenn wir das Treibhausgas-Problem nicht bald mit allem, was wir aufbieten können, angehen, und wir die Chinesen nicht dazu bekommen, es uns gleichzutun, werden wir gekocht. Immerhin verfügt China über die weltgrößten Kohlereserven und hat mindestens 150 Treibhausgas-Speiende Kraftwerke auf dem Reißbrett.
Neulich, bei einem Trip nach China mit Miansheng Wang, dem Geschäftsführer des gemeinnützigen China-U.S. Center for Sustainable Development (Zentrum für nachhaltige Entwicklung), wurde Kiser von Polizisten auf Motorrädern zu den sieben schlimmsten Umweltverschmutzern von Shanghai eskortiert, um vor Ort eine anschauliche Prüfung der Energienutzung durchzuführen. Er war der erste Ausländer, der jemals zu einem Energieeffizienz-Berater der Shanghai Municipal Economic Commission (Komunales Wirtschaftskomitee) ernannt wurde.
"Zum Dinner legte er einen Anzug und Krawatte an und sah wie ein amerikanischer Senator aus", berichtet Wang, "aber tagsüber trug er seine Jeans, nahm seinen Stift und das Notizbuch und kletterte auf den riesigen Dampfkesseln herum."
Ein sauberer Schornstein, den Kiser den Chinesen zu verkaufen hofft; und noch mehr liegt gut verborgen im Firmensitz von PSI in Ohio, wo der Prototyp seines flüssigen Schornsteins gebaut wird. Die grundlegende Technologie für flüssige Schornsteine - die so genannt werden, weil die Abgase eines Kraftwerkes durch einen mit Flüssigkeit gefüllten Behälter geleitet werden - gibt es bereits seit 30 Jahren.
Kiser hat jedoch sein zum Patent angemeldetes System effizienter gemacht und glaubt, dass er kurz davor steht, ein funktionierendes Modell liefern zu können, mit dem bereits bestehende mit Erdgas betriebene Industriebrennanlagen oder Heißwassererzeuger umgerüstet werden können. Schließlich hofft er, die Technologie auch erfolgreich auf jeden fossilen Brennstoff anwenden zu können, inklusive Kohle. Der Schornstein fängt die Abwärme ein, was die Effizienz in die Höhe schnellen lässt und Energiekosten spart.
Den flüssigen Schornstein kommerziell nutzbar zu machen, wird nicht einfach werden. "Hört sich ein wenig wir Zukunftsmusik an", erklärt Venture-Kapitalgeber Michael DeRosa, Geschäftsführer beim Umweltinvestoren DFJ Element in Menlo Park, Kalifornien. "Wir haben bei der Stromerzeugung große Fortschritte bei der Reduzierung der Partikelemission gemacht - Stickoxide, Schwefeloxide und Kohlenmonoxide - aber die Reduzierung von Kohlenstoff war eher schwer zu bewerkstelligen. Wenn es funktioniert und kosteneffizient ist, wäre es ganz außerordentlich attraktiv."
Cary Bullock, CEO von GreenFuel Technology in Cambridge, Massachusetts, das über eine Anlage verfügt, die Emissionen der Schwerindustrie in Biokraftstoffe umwandelt, weiß, wie schwer es ist, solche Technologie auf dem Markt zu lancieren. "Für alles mit einschneidenden Ergebnissen gibt es eine Anlaufzeit", erläutert Bullock. "Die Leute schauen sich das an und sagen: "Könnten wir das möglicherweise? Es ist nicht leicht, die Welt zu retten."
Kiser ist sich dessen bewusst und trotzdem drängt er weiter nach vorn. Er hofft, den ersten flüssigen Schornstein in einem Werk einzubauen, dass von POM Wonderful, einem Granatapfelsaft-Produzenten in Los Angeles errichtet wird, der die strengen neuen Auflagen für Treibhausgas-Emissionen mehr als nur erfüllen würde.
Das Granatapfelsaft-Projekt stellt die abgefahrenste Kiser-McDonough Zusammenarbeit seit River Rouge dar. "Die milliardenschweren Besitzer von POM und Großunternehmer, Stewart und Lynda Resnick, glauben, dass sie die Welt mit Antioxidantien aus Granatäpfeln retten können," sagt Erich Fritz, Betriebsleiter bei POM. Mit einem jährlichen Einzelhandelsumsatz an Saft und Tee in Höhe von 98 Millionen US-$, wie die Marketing Consultancy Information Resources (Marketing Beratung und Informationsquelle) in Chicago verlauten ließen, plant POM seine Granatapfelernte innerhalb der nächsten Jahre zu verdreifachen und muss daher neue Kapazitäten errichten.
"POM befindet sich noch in der Planungsphase", sagt Fritz mit Blick auf Kisers flüssigen Schornstein und die Sonnenenergie. "Verrücktes, wirres Zeug wie: Wie stellen wir unser eigenes Wasser her? Das ist kein Theoretisieren in der Denkfabrik", verdeutlicht er, "sondern findiges Geschäft. Werden wir unsere Ressourcen verbrauchen?" fragt Fritz. "Praktisch nicht. Aber ich garantiere, dass wir weniger Energie mit weniger Auswirkung auf die Umwelt verbrauchen werden, als wir es heute tun."
Kiser mag es nicht, wenn man ihn einen Visionär nennt. "Ich bin ein Mann der Lösungen!" meint er dazu. Daher quält Kiser derzeit die Frage: "Ist das, was wir derzeit tun, auch genug? Sogar wenn jeder Hersteller in Amerika seinen Betrieb auf einschneidende Weise umstellen würde, würde das die Umweltkatastrophe abwenden?" Kiser kann es nicht vorhersehen; er kann nur handeln.
"In Ordnung, meine Güte, weißt du was?" sagt er. "Wenn Gott nicht existiert, Junge, dann sind wir auf uns allein gestellt. Wir sollten lieber fleißig werden. Wenn es einen Gott gibt, klar, es gibt eine Menge Dinge, für die ich ihn verantwortlich halte. Aber bis zum nächsten Deal rede ich ja nicht mit ihm. Und ich habe tatsächlich Angst, denn wenn dort ankomme, wird er sagen: ,Ich möchte dir die gleiche Frage stellen: Was zur Hölle hast du da unten gemacht?'"
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